Vierter Streich
- Max und Moritz, diese beiden,
Mochten ihn darum nicht leiden;
Denn wer böse Streiche macht,
Gibt nicht auf den Lehrer acht.
Nun war dieser brave Lehrer
Von dem Tobak ein Verehrer,
Was man ohne alle Frage
Nach des Tages Müh und Plage
Einem guten, alten Mann
Auch von Herzen gönnen kann. -
- Max und Moritz, unverdrossen,
Sinnen aber schon auf Possen,
Ob vermittelst seiner Pfeifen
Dieser Mann nicht anzugreifen. -
- Einstens, als es Sonntag wieder
Und Herr Lämpel brav und bieder
In der Kirche mit Gefühle
Saß vor seinem Orgelspiele,
Schlichen sich die bösen Buben
In sein Haus und seine Stuben,
Wo die Meerschaumpfeife stand;
Max hält sie in seiner Hand;
Aber Moritz aus der Tasche
Zieht die Flintenpulverflasche,
Und geschwinde, stopf, stopf, stopf!
Pulver in den Pfeifenkopf. -
Jetzt nur still und schnell nach Haus,
Denn schon ist die Kirche aus. -
Also lautet ein Beschluß:
Daß der Mensch was lernen muß. -
Nicht allein das A-B-C
Bringt den Menschen in die Höh';
Nicht allein im Schreiben, Lesen
Übt sich ein vernünftig Wesen;
Nicht allein in Rechnungssachen
Soll der Mensch sich Mühe machen;
Sondern auch der Weisheit Lehren
Muß man mit Vergnügen hören.
Daß dies mit Verstand geschah,
War Herr Lehrer Lämpel da. -
Eben schließt in sanfter Ruh'
Lämpel seine Kirche zu;
Und mit Buch und Notenheften,
Nach besorgten Amtsgeschäften,
Lenkt er freudig seine Schritte
Zu der heimatlichen Hütte,
Und voll Dankbarkeit sodann,
Zündet er sein Pfeifchen an.
»Ach!« - spricht er - »die größte Freud'
Ist doch die Zufriedenheit!«
Rums! Da geht die Pfeife los
Mit Getöse, schrecklich groß.
Kaffeetopf und Wasserglas,
Tabaksdose, Tintenfaß,
Ofen, Tisch und Sorgensitz -
Alles fliegt in [im] Pulverblitz.

Als der Dampf sich nun erhob,
Sieht man Lämpel, der gottlob!
Lebend auf dem Rücken liegt;
Doch er hat was abgekriegt.
Nase, Hand, Gesicht und Ohren
Sind so schwarz als wie die Mohren,
Und des Haares letzter Schopf
Ist verbrannt bis auf den Kopf.

Wer soll nun die Kinder lehren
Und die Wissenschaft vermehren?
Wer soll nun für Lämpel leiten
Seine Amtestätigkeiten?
Woraus soll der Lehrer rauchen,
Wenn die Pfeife nicht zu brauchen?
Mit der Zeit wird alles heil,
Nur die Pfeife hat ihr Teil.


Dieses war der vierte Streich,
Doch der fünfte folgt sogleich.
Fünfter Streich
Wer im Dorfe oder Stadt
Einen Onkel wohnen hat,
Der sei höflich und bescheiden,
Denn das mag der Onkel leiden. -
- Morgens sagt man: »Guten Morgen!
Haben Sie was zu besorgen?«
Bringt ihm, was er haben muß:
Zeitung, Pfeife, Fidibus. -
Oder sollt' es wo im Rücken
Drücken, beißen oder zwicken,
Gleich ist man mit Freudigkeit
Dienstbeflissen und bereit. -
Oder sei's nach einer Prise,
Daß der Onkel heftig niese,
Ruft man: »Prosit!« allsogleich,
»Danke, wohl bekomm' es euch!« -
»Danke,« - »wohl bekomm' es euch!« -
Oder kommt er spät nach Haus,
Zieht man ihm die Stiefel aus,
Holt Pantoffel, Schlafrock, Mütze,
Daß er nicht im Kalten sitze, -
Kurz, man ist darauf bedacht,
Was dem Onkel Freude macht. -
- Max und Moritz ihrerseits
Fanden darin keinen Reiz. -
- Denkt euch nur, welch' schlechten Witz
Machten sie mit Onkel Fritz!
Jeder weiß, was so ein Mai-
Käfer für ein Vogel sei.
In den Bäumen hin und her
Fliegt und kriecht und krabbelt er.
Max und Moritz, immer munter,
Schütteln sie vom Baum herunter.
In die Düte von Papiere
Sperren sie die Krabbeltiere.
Fort damit und in die Ecke
Unter Onkel Fritzens Decke!
Bald zu Bett geht Onkel Fritze
In der spitzen Zippelmütze;
Seine Augen macht er zu,
Hüllt sich ein und schläft in Ruh.

Doch die Käfer, kritze, kratze!
Kommen schnell aus der Matratze.
Schon faßt einer, der voran,
Onkel Fritzens Nase an.

»Bau!« schreit er - »Was ist das hier?«
Und erfaßt das Ungetier.
Und den Onkel voller Grausen
Sieht man aus dem Bette sausen.
»Autsch!« - Schon wieder hat er einen
Im Genicke, an den Beinen;
Hin und her und rund herum
Kriecht es, fliegt es mit Gebrumm.
Onkel Fritz, in dieser Not,
Haut und trampelt alles tot.
Guckste wohl! Jetzt ist's vorbei
Mit der Käferkrabbelei!
Onkel Fritz hat wieder Ruh'
Und macht seine Augen zu.
Dieses war der fünfte Streich,
Doch der sechste folgt sogleich.
Sechster Streich
In der schönen Osterzeit,
Wenn die frommen Bäckersleut'
Viele süße Zuckersachen
Backen und zurechte machen,
Wünschten Max und Moritz auch
Sich so etwas zum Gebrauch.

Doch der Bäcker, mit Bedacht,
Hat das Backhaus zugemacht.
Also will hier einer stehlen,
Muß er durch den Schlot sich quälen.

Ratsch! Da kommen die zwei Knaben
Durch den Schornstein, schwarz wie Raben.
Puff! Sie fallen in die Kist',
Wo das Mehl darinnen ist.

Da! Nun sind sie alle beide,
Rund herum so weiß wie Kreide.
Aber schon mit viel Vergnügen
Sehen sie die Brezeln liegen.

Knacks! - Da bricht der Stuhl entzwei;
Schwapp! - Da liegen sie im Brei.
Ganz von Kuchenteig umhüllt,
Steh'n sie da als Jammerbild. -

Gleich erscheint der Meister Bäcker
Und bemerkt die Zuckerlecker.
Eins, zwei, drei! - eh' man's gedacht,
Sind zwei Brote d'raus gemacht.

In dem Ofen glüht es noch -
Ruff! - damit ins Ofenloch!
Ruff! man zieht sie aus der Glut;
Denn nun sind sie braun und gut. -

Jeder denkt, die sind perdü!
Aber nein - noch leben sie.
Knusper, Knasper! - wie zwei Mäuse
Fressen sie durch das Gehäuse;
Und der Meister Bäcker schrie:
»Ach herrjeh! da laufen sie!«

Dieses war der sechste Streich,
Doch der letzte folgt sogleich.
Siebter und letzter Streich
Max und Moritz, wehe euch!
Jetzt kommt euer letzter Streich!
Wozu müssen auch die beiden
Löcher in die Säcke schneiden?

Seht, da trägt der Bauer Mecke
Einen seiner Maltersäcke.
Aber kaum, daß er von hinnen,
Fängt das Korn schon an zu rinnen.
Und verwundert steht und spricht er:
»Zapperment! dat Ding werd lichter!«

Hei! Da sieht er voller Freude
Max und Moritz im Getreide.
Rabs! - in seinen großen Sack
Schaufelt er das Lumpenpack.
Max und Moritz wird es schwüle,
Denn nun geht es nach der Mühle. -
»Meister Müller, he, heran!
Mahl er das, so schnell er kann!«
»Her damit!« Und in den Trichter
Schüttelt er die Bösewichter. -

Rickeracke! Rickeracke!
Geht die Mühle mit Geknacke.
Hier kann man sie noch erblicken
Fein geschroten und in Stücken.
Doch sogleich verzehret sie
Meister Müllers Federvieh.
Als man dies im Dorf erfuhr,
War von Trauer keine Spur. -
- Witwe Bolte, mild und weich,
Sprach: »Sieh' da, ich dacht' es gleich!« -
- »Ja, ja, ja!« rief Meister Böck,
»Bosheit ist kein Lebenszweck!«
- Drauf so sprach Herr Lehrer Lämpel:
»Dies ist wieder ein Exempel!« -
- »Freilich!« meint der Zuckerbäcker,
»Warum ist der Mensch so lecker!« -
- Selbst der gute Onkel Fritze
Sprach: »Das kommt von dumme Witze!« -
- Doch der brave Bauersmann
Dachte: »Wat geiht meck dat an!« -
- Kurz im ganzen Ort herum
Ging ein freudiges Gebrumm:
»Gott sei Dank! Nun ist's vorbei
Mit der Übeltäterei!!«
Impressionen
Bilder: Tanja Draß
Göttinger BLICK
vom 30.Januar 2008